Die EU-Außengrenze in Bosnien und Herzegowina
Traurige Berühmtheit im Kontext von Fluchtbewegungen in Richtung der Europäischen Union erlangte vor allem Bosnien und Herzegowina, dessen Camps durch die dramatische Lage vor Ort im letzten Winter ihren Weg in die internationalen Nachrichten fanden. Die Temperaturen werden wieder herbstlicher, nach wie vor leben gestrandete Geflüchtete in Tuzla und in anderen Orten des Landes unter prekären Bedingungen und es mangelt auch jetzt noch an den essenziellsten Dingen: Lebensmittel, Bildung, medizinischer Versorgung sowie an angemessenem Schutz vor der Covid-19-Pandemie. Die Zustände vor Ort sind eher ein Resultat des allgemeinen Konsenses, auf den sich die Europäische Union bezüglich ihrer Migrationspolitik geeinigt zu haben scheint, denn ein rein bosnisches Problem: Fluchtbewegungen werden stringent abgewehrt, Regierungen setzen auf Abschreckung und Hotspots werden an nach außen verlagerten EU-Außengrenzen kreiert – umso wichtiger ist dementsprechend zivilgesellschaftliche Solidarität.


Versorgung

Amila, unsere Projektpartnerin in Tuzla, erlebt dies hautnah: „Gerade gibt es eine höhere Anzahl an Menschen, die hier ankommen, wahrscheinlich, weil das Wetter etwas abgekühlt ist. Hauptsächlich kommen die Geflüchteten aus Afghanistan, Pakistan, Mali, Gambia und Bangladesch. Sie ziehen von Bihac und Sarajevo nach Serbien und umgekehrt.“ Gemeinsam mit anderen Aktivist*innen mietet Amila einen Versorgungsraum, ausgestattet mit den wichtigsten Hilfsgütern – hier können Geflüchtete Nothilfe erhalten. „Der Bedarf besteht gerade jetzt an Unterwäsche, Herbstkleidung und Lebensmitteln. Auch Schuhe, denn diese sind natürlich Bedingung dafür, dass sie weiterziehen können. Ebenso wie alte Telefone und Powerbanks.“ Eine zentrale Aufnahmestelle gibt es in Tuzla nach wie vor nicht. Stattdessen komme laut Amila der Großteil der Menschen weiterhin in leerstehenden Gebäuden und Ruinen unter – dies dürfte gerade angesichts des kommenden Herbstes für noch dramatischere Zustände sorgen.


Push-Backs als Alltag

Es ist jedoch vor allem die allgegenwärtige Gewalt der Grenzpolizist*innen, die der Aktivistin Sorgen macht: „Ständig treffe ich Leute, die von der Polizei körperlich malträtiert worden sind, denen Geld abgenommen wurde oder ihre Handys.“ Immer wieder hört Amila solche Geschichten von gewalttätigen Push-Backs, bei denen Geflüchtete illegal zurück über die Grenze geschickt werden. Laut dem Danish Refugee Council soll es allein im Jahr 2020 zu mehr als 16.000 gesetzeswidrigen Rückweisungen von Kroatien nach Bosnien und Herzegowina gekommen sein – 60% davon verliefen gewalttätig.


Ausblick

„Bald wird eine hohe Zahl afghanischer Geflüchteter hier ankommen“, vermutet Amila mit Blick auf die dortige Machtübernahme der Taliban. Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation oder langfristige Lösungen sind jedoch weiterhin nicht in Sicht. Umso wichtiger sind Anlaufstellen wie die von Amila und anderen Aktivist*innen, die dort aktiv werden, wo staatliche Unterstützung fehlt.
Auch deshalb lautet unser Motto weiterhin #weitersolidarisch: Es gilt, Menschen nicht sich selbst zu überlassen und Verantwortung zu übernehmen. Die von Amila und ihren Freund*innen in Tuzla geleistete Nothilfe ist umso signifikanter, da sie sich an Geflüchtete richtet, die nach einer langen und auslaugenden Flucht einen Zwischenstopp einlegen, um Kräfte für den kroatisch-bosnischen Grenzübertritt zu sammeln.
Einiges konnte schon durch die Spendenkampagne bewirkt werden – wir wollen weiter machen und uns solidarisch mit denen zeigen, die gerade auf der Flucht sind.