Amila gemeinsam mit einer syrischen Famile (Tuzla, BiH)

Amila ist seit einiger Zeit in Tuzla, im Nordosten von Bosnien und Herzegowina ehrenamtlich aktiv und arbeitet dort mit geflüchteten Menschen. Amila ist verantwortlich für die Umsetzung unseres Projekts in Tuzla, wo zunächst ein Lagerraum angemietet wurde, um Hilfsgüter, wie Lebensmittel und Kleidung, an Kinder geflüchteter Familien zu verteilen.

 

SHL: Seit wann arbeitest du mit geflüchteten Menschen in Tuzla und wie kamst du dazu dich zu engagieren?

Amila: Vor etwa drei Jahren saß ich mit einem Freund zusammen und wir sprachen über die Situation von geflüchteten Menschen, die am Busbahnhof Tuzla ankamen und dort campierten. Dann haben wir beschlossen etwas zu tun. Wir gingen zur Kirche, die in der Nähe des Busbahnhofs liegt und fragten dort, ob die Menschen in kleinen Gruppen die Toiletten und Waschräume benutzen könnten. Daraufhin fing ich auch an mich in der informellen Gruppe „Tuzla Volunteers“ zu engagieren, die Migrant*innen und Geflüchteten bei der Durchreise in Tuzla hilft.

 

SHL: Du verteilst vor allem Hilfsgüter an junge Menschen und deren Familien. Wie organisierst du die Verteilungen und wie hat sich diese Arbeit durch die Pandemie verändert?

Amila: Zu Beginn der Pandemie beschloss ich, nicht mehr Teil von „Tuzla Volunteers“ zu sein, sondern auf eigene Faust zu handeln. Es gab Drohungen von den zuständigen Institutionen, dass alle Freiwilligen immer wieder in Quarantäne gehen müssten, nachdem sie Kontakt mit Geflüchteten hatten – der öffentliche Druck wurde immer größer. Freiwillige wie ich werden oft von unseren Mitbürger*innen beschimpft und bedroht, weil wir Migrant*innen und Geflüchteten Unterstützung bieten.

 

SHL: Was fehlt den Menschen vor allem?

Amila: Den Menschen, die in Tuzla ankommen fehlt es vor allem an Essen oder Kleidung und Schuhen. Ich mache oft auch Wäsche für sie in meinem Haus und bin ihre Begleitung, wenn sie ins Krankenhaus müssen. Den Menschen, mit denen ich arbeite, fehlt es aber letztendlich an sehr vielen Dingen. So verteile ich auch all das, was andere Menschen mir spenden. Ich bin allen dankbar, die meine Arbeit bisher unterstützt haben. Mit jedem Cent oder mit jedem Paar Socken, kann hier eine sichtbare Verbesserung erzielt werden. Die Bedürfnisse von jungen Menschen gehen aber noch darüber hinaus. Deshalb habe ich letztes Jahr mit der Unterstützung von Schueler Helfen Leben außerdem ein Malbuch mit bosnischen Kindern für die Kinder aus geflüchteten Familien erstellt. Das Malbuch erreichte Kinder in Familiencamps in Bihać, Velika Kladuša, Sarajevo, Kinder auf der Durchreise in Ključ und auch Kinder auf den Straßen von Sarajevo und Tuzla. Auch diese Form der Unterstützung ist wichtig für junge Menschen.

 

SHL: Wie trittst du an die Personen heran, die du unterstützt? Und wie nehmen sie die Unterstützung auf?

Amila: Früher bin ich zum Busbahnhof gegangen, um zu sehen, ob neue Geflüchtete angekommen sind, die etwas brauchen.  Heute kontaktieren sie mich auch immer häufiger über Facebook, weil mein Kontakt zwischen den geflüchteten Menschen weitergegeben wird.

 

SHL: Wie schätzt du die derzeitige Lage für Geflüchtete in Bosnien und Herzegowina / Tuzla ein und wie hat sich die Situation durch die Corona-Pandemie verändert?

Amila: Die Situation für Migrant*innen und Geflüchtete wird in Bosnien und Herzegowina immer schwieriger. Es gibt immer mehr rassistische und xenophobe Kampagnen und Übergriffe. Auch ich persönlich bin schon oft beschimpft oder verletzt worden, weil ich diesen Menschen helfe. Aber all das ist für mich irrelevant, wenn ich abends ins Bett gehe und weiß, dass ich junge Familien mit Essen oder sauberer und warmer Kleidung unterstützen konnte.

 

SHL: In Europa wird oft das Bild verbreitet, dass vor allem junge Männer auf der Flucht sind – was für Menschen kommen in Tuzla an? Sind darunter auch Familien?

Amila: Grundsätzlich sind schon es viele junge Männer, die in Tuzla ankommen, aber wenn das Wetter schön ist, kommen auch viele Familien. Ich erinnere mich, dass an einem Tag einmal 35 Kinder mit ihren Eltern kamen. Es gab einen großen Ansturm, aber zum Glück haben wir es geschafft, Betten für alle zu finden, damit sie sich ausruhen und in Sicherheit schlafen konnten.

 

SHL: Was machen die Menschen in Tuzla und wie lange bleiben sie dort?

Amila: Ich unterstütze grundsätzlich alle Menschen, die hier in Tuzla ankommen.. Manche bleiben nur ein paar Stunden, andere leben hier mehrere Monate, meist in verlassenen Gebäuden. Wenn es mir möglich ist, gebe ich ihnen Geld, um eine Herberge zu bezahlen, sich auszuruhen und zu duschen. Das Geld dafür ist aber meist knapp, weswegen ich nun vor allem versuche Schlafsäcke zu kaufen und zu verteilen.

 

SHL: Wie nimmt die bosnische Bevölkerung die Situation wahr? Wie begegnen sie den vielen geflüchteten Menschen, die in Tuzla ankommen?

Amila: Die Leute werden immer reden. Ich helfe eigentlich auch viel in bosnischen Familien mit Nahrungsmittelspenden aus. Dort stoße ich aber auch oft auf Verurteilung. Sie fragen mich dann: „Warum wollen diese Menschen nicht arbeiten, warum haben sie so viele Kinder?“ – Ich glaube diese Desinformation und das Misstrauen gegenüber geflüchteten Menschen ist mit der Corona-Pandemie noch stärker geworden. Ich verstehe, dass auch die Menschen in Bosnien und Herzegowina nicht genug haben, durch Corona Arbeitsplätze verloren gegangen sind und sich weitere familiäre Schwierigkeiten eingestellt haben. Aber nach „unten“ zu treten, das darf niemals die Antwort auf solche Probleme sein.