In Jordaniens Hauptstadt Amman unterstützt das Jugendzentrum „Ein Ort für Alle“ Kinder und Jugendliche, die z.B. aus Syrien fliehen mussten. Sie sollen trotz der aktuellen Situation weiter die Möglichkeit haben, Bildungsangebote zu nutzen, zu denen sie schon seit der Flucht nur eingeschränkten Zugang hatten.

Mit Sandra Karam, Marketing and Communication Officer bei „Ein Ort für Alle“, unterhalten wir uns über die Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen und die Veränderungen durch die Pandemie.

 

SHL: Wie lange arbeitet ihr schon mit jungen Geflüchteten in Amman und wie viele habt ihr bereits unterstützt?

Sandra: „Ein Ort für alle“ bietet seit 2006 Hilfe für Geflüchtete und gefährdete Jordanier*innen. Die städtische Community, in der wir arbeiten und uns engagieren, ist in Ost-Amman. Unsere Programme richten sich an ganze Familien und alle Altersgruppen. Dies beginnt bei der frühkindlichen Erziehung und setzt sich bei Kindern und Jugendlichen fort, um ihre emotionale Entwicklung zu unterstützen und ihnen zu helfen, in der Schule erfolgreich zu sein. Wir binden auch Erwachsene durch unsere von der Kommune geleiteten psychosozialen Programme ein, durch Kurse, die Englisch und Computerkenntnisse vermitteln, durch unsere Programme zur Sicherung des Lebensunterhalts und durch unsere Kurse zur Entwicklung von Führungsqualitäten und zum Umgang mit geschlechtsspezifischer Gewalt. Aus den meisten Familien nehmen mehrere Personen an unseren Aktivitäten teil.

In den Jahren 2019 und 2020 verzeichneten wir zusammen etwas mehr als 5.000 Einzelanmeldungen für alle unsere Programme, und zwar sowohl für in Präsenz stattfindende Programme vor der Pandemie als auch für Online-Anmeldungen seit der Pandemie. Seit der Gründung der Organisation haben wir über 13.500 Kinder und insgesamt 8.693 Familien unterstützt.

 

SHL: Ihr bietet Bildungsmöglichkeiten für junge Menschen, insbesondere für junge Geflüchtete. Was ist euer Ansatz?

Sandra: „Ein Ort für alle“ bietet Geflüchteten aller Altersgruppen Bildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten an. Wir glauben daran, dass die Bereitstellung von Lernmöglichkeiten den Programmteilnehmer*innen die Möglichkeit gibt, Selbstvertrauen zu entwickeln und soziale Beziehungen aufzubauen. Durch die Programme lernen die Teilnehmer*innen greifbare und praktische Dinge. Einige der Themen, die in den ganzheitlichen Programmen angesprochen werden, sind die Bewältigung von Traumata, Konfliktlösung und Karriereunterstützung. „Ein Ort für alle“ versucht, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die an den Programmen teilnehmen, zu stärken.

 

SHL: Welchen neuen Herausforderungen seid ihr durch die Pandemie begegnet/ Wie habt ihr das letzte Jahr erlebt?

Sandra: Ähnlich wie im Rest der Welt hat die COVID-19-Pandemie auch das tägliche Leben in Jordanien dramatisch verändert. Im März letzten Jahres begann das Land mit einer der strengsten pandemiebedingten Lockdowns der Welt. Aufgrund der strengen Corona-Maßnahmen und einer längeren Abriegelung mussten wir unsere beiden Nachbarschaftszentren schließen und überdenken, wie wir unsere Angebote trotzdem ermöglichen können.

Vor der Pandemie trugen hohe Mietkosten, eingeschränkte Beschäftigungsmöglichkeiten, erschöpfte Ersparnisse und steigende Schulden dazu bei, dass mehr als 80 Prozent der Geflüchteten unterhalb der Armutsgrenze lebten. Die Pandemie verschlimmerte die prekäre wirtschaftliche Lage der Familien zusätzlich.  In einer Umfrage, die mit einigen unserer begünstigten Familien durchgeführt wurde, stellte sich heraus, dass 37 Prozent der Familien eine Reduzierung ihres monatlichen Einkommens während des Lockdowns erlebten. Vor diesem Hintergrund haben wir viele Anpassungen an seinen Programmen vorgenommen, um die Bedürfnisse der Familien zu unterstützen.

Eine Herausforderung, der wir uns im Zusammenhang mit der Pandemie und der Online-Lehre weiterhin stellen, ist die Verbindung zu unserer Nachbarschaft. Die Communities, die wir in der Stadt Amman betreuen, sind sehr arm.  Es ist unwahrscheinlich, dass Familien einen internetfähigen Computer, Laptop oder ein Tablet zu Hause haben.  Stattdessen ist es wahrscheinlich, dass sich die Familie ein oder zwei alte Smartphones teilt. Die Gebühren für den Telefonanschluss und den 4-G-Internetdienst sind sehr hoch, und die Menschen, die normalerweise zu uns kommen, berichten, dass ihr Datenvolumen oft vor Ende des Monats aufgebraucht ist.

Eine Lösung, die wir seit 2020 implementiert haben, besteht darin, dass wir den Personen, die an aktiven Programmen teilnehmen, ein monatliches Bargeldguthaben von 10 Jordanische Dinar / 11,50 € geben, das sie in ihr Prepaid-Vertrag investieren können, um sicherzustellen, dass sie über ihre Telefone in vollem Umfang an den Online-Kursen teilnehmen können, falls kein kostenloser WLAN-Zugang verfügbar ist.

 

SHL: Welche neuen Aktivitäten und Formate konntet ihr umsetzen, und was ging aufgrund der aktuellen Situation verloren?

Sandra: Die Pandemie hat uns dazu gezwungen, das Kurs-Programm auf ein Online-Format umzustellen. Obwohl wir mit einigen Herausforderungen konfrontiert war, haben wir mit der Kommune zusammengearbeitet, um sicherzustellen, dass unsere Zielgruppe weiterhin Unterstützung und Zugang zu unseren Programmen hat.

Die Umstellung unseres Vorschulprogramms auf ein Online-Format hat es einer Gruppe von 20 Kindern im Alter von 3 bis 4 Jahren ermöglicht, eine frühkindliche Ausbildung zu erhalten. Wir haben Aktivitäten entwickelt, die Wochen- und Tagesübersichten, Unterrichtspläne und Projektmaterialien enthalten, die den Kindern nach Hause geschickt werden. Unser Vorschulkoordinator und die Lehrer*innen stehen in täglichem Kontakt mit den Eltern, um sie bei der Durchführung des Unterrichts zu unterstützen.  Die Eltern werden ermutigt, ihren Kindern zu helfen, dem Unterrichtsgeschehen zu folgen und über Fotos und Nachrichten in einer WhatsApp-Gruppe und über Facebook Messenger mit uns zu interagieren und so das Gelernte zu reflektieren.

Ein weiteres Programm, das online implementiert wurde, ist das SuperGirls-Programm. SuperGirls ist ein ganzheitliches Programm, das sich sowohl auf Bildung (Rechnen, Lesen und Schreiben sowie Computerkenntnisse) als auch auf psychosoziale Entwicklung (Selbstfürsorge, Kommunikationsfähigkeiten und Traumabewältigung) konzentriert. Seit der Umstellung auf ein Online-Format hat SuperGirls es über 100 Mädchen ermöglicht, Selbstwissen, Selbstvertrauen und Widerstandsfähigkeit zu entwickeln, um ihre Grundschulausbildung abzuschließen und in die weiterführende Schule zu wechseln.

Da die formale Schulbildung seit zwölf Monaten in einem Online-Format stattfindet, verbringen viele unserer Programmteilnehmer*innen im Schulalter längere Zeit am Computer. Vor diesem Hintergrund versuchen wir, Offline-Aktivitäten in unsere Online-Programme einzubauen. So nehmen die Vorschüler*innen beispielsweise an von Eltern geleiteten wissenschaftlichen Experimenten und Naturwanderungen in der Umgebung teil und tauschen ihre Erfahrungen später in einer Online-Gruppe aus. In die Aktivitäten wurden kostengünstige, leicht zugängliche Materialien integriert, die viele Familien bereits zu Hause hatten.

 

SHL: Wie wirken sich die pandemiebedingten Veränderungen auf die jungen Menschen aus, mit denen ihr arbeitet? Gab es weitere Probleme?

Sandra: Das Leben der jungen Menschen wurde durch die Pandemie dramatisch beeinflusst. Wie bereits erwähnt, war der Zugang zum Internet und zu internetfähigen Geräten eine große Herausforderung für die jungen Menschen. Ohne einen stabilen Internetzugang konnten die Schüler*innen nicht auf Online-Schulungen zugreifen und verpassten so die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren. Ein weiterer Aspekt der Pandemie, der sich auf junge Menschen ausgewirkt hat, waren die langen Zeiträume von Lockdowns und Ausgangssperren in Jordanien. Die Lockdowns reduzierten die Möglichkeiten der Haushalte, ein Einkommen zu erzielen. Dies hatte zur Folge, dass die Ernährungsunsicherheit vieler Familien zunahm. Darüber hinaus hatten die anhaltenden Abriegelungen schwerwiegende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Jugendlichen. Das Gefühl der Isolation, das die jungen Menschen erlebten, führte zu einer Zunahme von Angstzuständen und Depressionen.