SHL: Jordanien ist gemessen an der Bevölkerungszahl die zweitgrößte Geflüchtetenregion der Welt, einen großen Teil macht davon die Hauptstadt Amman aus. Wie beurteilt ihr die aktuelle Situation für junge Geflüchtete in Jordanien/Amman und wie hat sich die Situation durch die Pandemie verändert?

Sandra: Das Königreich Jordanien hat eine langjährige Geschichte als Aufnahmeland für Geflüchtete. Historisch gesehen war Jordanien immer von Konflikten umgeben. In den angrenzenden Ländern des Königreichs kam es zu gewaltsamen Konflikten, Besetzungen und Bürgerkriegen. Obwohl es in Jordanien immer wieder zu Protestbewegungen und Unruhen gekommen ist, hat das Land stets von Frieden und Konfliktfreiheit profitiert. Infolgedessen ist Jordanien ein sicherer Zufluchtsort für Geflüchtete gewesen. Derzeit leben 666 000 Geflüchtete in Jordanien, die formell beim UNHCR registriert sind. Diese Zahl berücksichtigt nicht die Geflüchteten, die schon seit Generationen in Jordanien leben. Wie bereits erwähnt, hat die Pandemie den Schulunterricht massiv eingeschränkt und die Möglichkeiten für geflüchtete Kinder, sich in die jordanische Gesellschaft zu integrieren, besonders erschwert. Ganze Familien leiden unter dem Stress und, in einigen Fällen, unter der Trauer, wenn geliebte Menschen während der Pandemie erkranken. Selbst für Familien, die nicht von der Krankheit betroffen sind, waren die wirtschaftlichen Auswirkungen für viele wirklich verheerend, und da immer wieder neue Wellen kommen, scheint es, als würde sich eine Erholung nur langsam vollziehen.

 

SHL: Wie nimmt die jordanische Bevölkerung die Situation wahr? Wie stehen sie den vielen Geflüchteten gegenüber, die in Jordanien ankommen und schon lange hier sind?

Sandra: Die Geschichte Jordaniens ist geprägt von Zuwanderung von Geflüchteten aus regionalen Konflikten, die in Jordanien Zuflucht suchen und bleiben. Der syrische Bürgerkrieg und die daraus resultierende Vertreibung der Zivilbevölkerung nach Jordanien in den letzten zehn Jahren hat seit 2011 zu Spannungen im Norden Jordaniens geführt, weil die geflüchteten Menschen teilweise als Konkurrent*innen der einheimischen Bevölkerung um begrenzte Ressourcen, insbesondere Wasser, angesehen werden und auch um Beschäftigungsmöglichkeiten konkurrieren.

Andererseits gibt es auch eine lange Geschichte der Vermischung und Verheiratung zwischen Familien im Norden Jordaniens und Familien, die an der südlichen Grenze Syriens leben, so dass es enorme Sympathien und sogar gemeinsame Stammesbündnisse zwischen vielen der syrischen Geflüchteten und der Aufnahmebevölkerung gibt.

Da Jordanien ein vergleichsweise armes Land ist und seine natürlichen Ressourcen und Wasservorräte stark begrenzt sind, ist eine langfristige Aufnahme von Geflüchteten nicht nachhaltig.  Es bleibt abzuwarten, wie die Lösung aussehen wird, ob einigen oder allen Syrer*innen die Aufenthaltsgenehmigung erteilt wird und sie in Jordanien arbeiten dürfen, ob die internationale Gemeinschaft in der Lage sein wird, Jordanien langfristig bei der Aufnahme syrischer Geflüchteter zu unterstützen, oder ob der Konflikt in Syrien so weit beigelegt werden kann, dass die Vertriebenen sicher zurückkehren können und Wirtschaft und Infrastruktur in Syrien wieder aufgebaut werden können.

 

SHL: Wie ist der Zugang für Geflüchtete zum Arbeitsmarkt und zu Bildungsmöglichkeiten?

Sandra: Jordanien hat große Anstrengungen unternommen, um die Bildung von geflüchteten Schüler*innen zu unterstützen. Obwohl die jordanischen Schulen unter Überfüllung leiden, hat die Regierung mit einer Reihe von Akteur*innen zusammengearbeitet, darunter lokale und internationale Nichtregierungsorganisationen, um sowohl formale als auch nicht-formale Bildungsmöglichkeiten anzubieten. Während die Kinder Zugang zu kostenloser Grund- und Sekundarschulbildung haben, gelten höhere Bildungsmöglichkeiten für viele jugendliche Geflüchtete als Luxus, da die jordanischen Universitäten hohe Gebühren für internationale Studierende verlangen.

Eine legale und sichere Beschäftigung zu finden, ist für Geflüchtete in Jordanien eine große Herausforderung. Um legal beschäftigt zu werden, müssen sie eine Arbeitserlaubnis erhalten, die nur für einige Nationalitäten und nur in begrenzten Sektoren erhältlich ist. Jordanien leidet unter einer hohen Arbeitslosenquote, die derzeit bei 19,2 Prozent liegt. Viele gehen einer informellen Beschäftigung nach, die durch niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten und schlechte Arbeitsbedingungen gekennzeichnet ist. Geflüchtete Menschen, die einer informellen Beschäftigung nachgehen, drohen außerdem Geld- oder Haftstrafen, wenn sie ohne gültige Arbeitserlaubnis erwischt werden. Dies wirkt sich auch direkt auf die Versorgung und Bildungsmöglichkeiten der Kinder dieser Familien aus.