Fünf Jahre ist es her, dass die sogenannte „Balkanroute“ geschlossen wurde, also die bis dahin meistgenutzte Fluchtroute von Menschen aus Syrien, Afghanistan, Irak, Iran, Marokko oder auch Pakistan und Bangladesch über Südosteuropa in den Schengenraum. Über Serbien führte ihr Weg dabei meist durch Ungarn weiter nach Westeuropa. Seitdem Ungarn einen 151 Kilometer langen Grenzzaun errichtet hat, sitzen viele geflüchtete Menschen nun in Bosnien und Herzegowina fest. Dort, an der Grenze zu Kroatien, stehen ihre Chancen vermeintlich besser, um in die EU zu gelangen.

In Bosnien und Herzegowina befinden sich, der EU zufolge, derzeit etwa 8.000 Geflüchtete, lokal aktive Nichtregierungsorganisationen gehen sogar von mehr als 12.000 Menschen aus. Einige kamen in eingerichteten Lagern für Geflüchtete unter, doch viele mussten anderweitig Zuflucht suchen, etwa in Bauruinen oder unter freiem Himmel in Zelten – ohne Zugang zu sauberem Wasser, Elektrizität, geschweige denn medizinischer Versorgung. Sie und ihre Familien verbrachten teils mehrere Wochen oder sogar Monate an der kroatischen Grenze; ohne Schutz in der Kälte des bosnischen Winters. Und auch heute verbringen viele ihren Alltag ohne ein schützendes Dach über dem Kopf. Nach wie vor fehlt die benötigte Unterstützung in einer globalen Gesundheitskrise, deren sicherheits- und wirtschaftspolitische Konsequenzen vor allem vulnerable Gruppen treffen. Nach wie vor gibt es keine Möglichkeit sich ausreichend vor einer Infektion mit Covid-19 und den damit verbundenen Folgen zu schützen.

„Lipa“ – Eines der größten Camps für Geflüchtete in Bosnien und Herzegowina: Das Camp im Großraum Bihać wurde zwischenzeitlich geschlossen. Da die bosnischen Regierungen von einer wintertauglichen Umrüstung abgesehen hatte, war es zu Protesten der Bewohner*innen gekommen. Mit Unterstützung der EU wurde im Januar dieses Jahres aber beschlossen, nachzurüsten und „Lipa“ für längerfristige Aufenthalte tauglich zu machen. Entspannt hat sich die Lage dadurch nicht.

Bihać – der letzte größere Ort vor der kroatischen EU-Grenze: Von hier aus nehmen geflüchtete Menschen fast jeden Tag den gefährlichen Weg durch die von Minen vergangener Kriegstage übersäten Berge auf sich, um an die kroatische Grenze zu gelangen. Dort werden sie meistens von europäischen und kroatischen Sicherheitskräften durch zum Teil illegale Pushbacks, am Grenzübertritt gehindert. Die vielen Berichte über Gewaltexzesse sowie physische und psychische Folter gegenüber den Geflüchteten im Zusammenhang mit diesen Einsätzen bleiben zumindest auf europäischer Seite bisher ohne Konsequenzen – Doch für die Menschen auf der anderen Seite gibt es oft nur eine Option. Teilweise geboren in Krieg und Zerstörung, teilweise auf der Suche nach Perspektiven außerhalb ihrer politisch und wirtschaftlich unsicheren Heimatstaaten, fürchten sie es weniger „The Game“ weiterzuspielen, als zurückzugehen. „The Game“, so wird der Versuch der Grenzüberquerung nach Kroatien unter den Geflüchteten genannt.

Auch in Tuzla, im Nordosten von Bosnien und Herzegowina ist die Lage für Menschen mit Fluchterfahrungen mehr als prekär. Tuzla ist meist die erste Zwischenstation für Geflüchtete, nachdem sie die serbisch-bosnische Grenze überquert haben. Ist das Wetter gut und sind die Kräfte etwas aufgetankt geht es von dort aus weiter Richtung kroatische Grenze. Eine zentrale Aufnahmestelle für Geflüchtete gibt es in Tuzla nicht. In logischer Konsequenz campieren unzählige Menschen im Freien, meist in der Nähe der Bushaltestelle, um dort auf die Weiterfahrt zu warten, ohne Zugang zu ausreichenden Nahrungsmitteln, sauberem Trinkwasser oder medizinischer Versorgung. Viele Menschen, die aktuell in Tuzla sind, sind schon seit Monaten, teilweise Jahren auf der Flucht, verbrachten mitunter Zeit auf Lesbos, im viel diskutierten Geflüchtetencamp “Moria“. Vor allem Familien bleiben längere Zeit in der Stadt. Die geringen Chancen Asyl in der EU zu bekommen bzw. überhaupt einen Antrag auf Asyl stellen zu können und der zumindest in einem bestimmten Ausmaß vorhandene Zugang zu Infrastruktur und zu Hilfsgütern von den wenigen dort aktiven Hilfsorganisationen, lässt sie dort verweilen. Darunter sind auch viele Kinder und Jugendliche, die neben fehlenden Bildungsangeboten auch eine medizinische und psychologische Betreuung bräuchten. Sie wachsen in einem vergifteten Klima auf – Sie flohen vor Krieg, Angst und fehlenden Perspektiven, scheinen in Europa von institutioneller Ebene nicht willkommen geheißen zu sein und sitzen nun in einem Land fest, in dem es den Einheimischen teilweise verboten ist, Unterstützung zu leisten. Einen Asylantrag in Bosnien und Herzegowina zu stellen ist für die meisten keine Option – schon die Infrastruktur des föderalistischen, noch vom Bürgerkrieg gezeichneten und traumatisierten Staates sieht dafür keine Kontingente vor. Gleichzeitig ist die wirtschaftliche Situation in Bosnien und Herzegowina ohnehin nicht vergleichbar mit derer von EU-Staaten. So trifft die Corona-Krise schon die Bosnier*innen hart, Geflüchtete und ausgegrenzte Menschen dementsprechend noch härter. Die Millionenzahlungen der EU für eine bessere und angemessenere Unterbringung der geflüchteten Menschen sind für viele Betroffene und vor Ort Aktive nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Vorwurf steht im Raum, dass die Zahlungen mehr aus taktischen als humanitären Erwägungen getätigt werden – mit meist gleichzeitigem Verweis auf das Auftreten der europäischen Grenzschützer*innen.

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